Von wegen immer nur mit der Hose denken

Leninstraße 37, ich komme immer näher. Endlich geschafft. Ich bin gleich da. Nach 30 Minuten Tram fahren komme ich meinem Ziel immer näher. Eine lange Straße, die Straßenlaternen werfen ein ungemütliches grell-weißesLicht auf den grauen Asphalt, die eisernen Räder der Tram rattern über die rostenden Schienen und das unangenehmen quietschen wird immer leiser und wirft nur noch ein leichten Hall durch die schwarzen häusernen Betontürme. Von links ertönt Lärm aus einem Späti,überall liegen Kippenstummel und Kronkorken auf dem Boden. Ein unwohles Gefühl macht sich breit. Zum Glück sind noch Menschen auf den Straßen, sie gleichen jedoch mehr schwarzen Silhouetten und gruseligen Schatten die umherstreichen. Es ist kurz vor zwölf. Hausnummer 32,34 – eine Straße zweigt nach links ab. Düster, keine Beleuchtung, nichts. Ich erkenne nur Umrisse von Bäumen und Parkbänken in der Ferne. Hoffentlich muss ich da nicht rein ist mein erster Gedanke. Ich meine, ich bin 1,82 Meter und stark und habe einen Bart, aber das muss jetzt nun auch nicht sein. Google sagt, weiter geradeaus. Puh nochmal Glück gehabt. Ein lautes tiefes Geräusch donnert aus der Seitengasse. Es hört sich an wie ein Grunzen. Ich versuche meine Augen soweit zu öffnen, dass ich irgendetwas in dieser dunklen Schlucht erkennen kann. Da bewegt sich etwas auf der Bank, ein rhythmisches auf und ab. Okay, nur ein Obdachloser der laut schnarcht. Ich will nur noch weg hier. Weiter zur 36, vorbei an einer geschlossenen Kneipe. Langsam komme ich mir vor wie in einer Geisterstadt. Nummer 36, eine zugemauerte Einfahrt voller Graffiti. Die rechte Straßenseite ist mir einer nicht endenden Mauer durchzogen. Dahinter ragen metallisch-grimmig schauende Stahlträger aus der Erde, spitz und steil nach oben in den tief schwarzen Nachthimmel. Eine große graue Fabrik türmt sich dahinter auf, sie wirkt wie ein schwarzes Loch und schluckt sämtliches Licht in der Umgebung.

Egal, ich versuche mir keine Angst zu machen, ich hab es schließlich gleich geschafft. Gleich werden hoffentlich meine Fantasien wahr. Mir ist kalt. Ich rieche nach Mandelholz einem Hauch 1928 Glenfield Whiskey und einer milden Note von Lavendel und Rose. Mein neues Aftershave. Ich bin nämlich unter die Dusche und hab mich vorher nochmal entsprechend präpariert. Ich will für die Beiden natürlich auch perfekt vorbereitet sein. Auf der anderen Seite hege ich auch leicht Zweifel und frage mich ob ich es beiden „recht machen kann“ – wenn ihr versteht was ich meine. Die Zweifel werden immer stärker. Ich meine zwei Mädels, puh, was ist wenn ich zu horny bin und schon nach 5 Minuten ist alles vorbei oder ich vor lauter Aufregung erst gar nicht meinen Mann stehe. Die Vorstellungen fangen an sich in mein Gehirn zu brennen. Ich werde unruhig. Soll ich lieber umdrehen. Nein! Du bist krass sagt meine innere Stimme, du ziehst das jetzt durch! Ich komme immer näher… nur noch wenige Schritte.

 

Was sich alles wie eine merkwürdige Gruselgeschichte mit Sex-Fantasien so wie in Hostel 2 anhört beginnt am Freitagabend um 20.53 Uhr beim netflixen auf meine Couch. In Nike Sweatpants und Handy in der Hand, chill ich auf der Couch. Um mir die Zeit zu vertreiben, bis ich in circa zwei Stunden – um genau zu sein sind es 2 stunden und 14 Minuten – wieder 50 neue Likes auf Tinder verteilen kann. Swipe ich mich durch eine der vielen anderen Apps die es so gibt und von denen ich gefühlt schon mal alle auf dem Handy hatte. Mir ist langweilig, die Netflixdoku bringt es nicht, meine Freunde unternehmen alle was mit Ihrer Freundin, planen ihren Hausbau oder müssen sich um das Neugeborene kümmern. Mein Screen blitzt auf. Eine Nachricht. Lina. Ich schaue was sie geschrieben hat. Zuerst lese ich mir nochmal meinen, meist Standard Copy and Paste Text, in dem ich meist nur den Namen ändere, durch. Mir ist es übrigens auch öfter mal passiert den Namen von der Vorgängerdame zu verschicken. Tipp von mir, so wird da nix. Immer die Nachricht nochmal checken Jungs. Grundlegend heißt das jedoch schon mal Lina ist nur normal heiß und ich habe mir keine besondere Mühe bei meinem Text gegeben. Wir kommen ins Gespräch. Es ist okay, mehr auch nicht. Aber irgendwie ist mir gerade danach einfach mal offensiver zu werden. Ich hab ja nichts zu verlieren denke ich mir. Ich habe heute eh nichts weiter zu tun also ist es mir auch egal ob das jetzt was wird oder nicht. Meine Fragestellungen werden konkreter. Lina springt darauf an. Nice denke ich mir. Das kann ja doch noch ein lustiger Abend werden. Vielleicht ein bisschen Dirtytalk und Vorfreude auf ein Treffen am Wochenende. Mal schauen was sich da noch ergibt. Mit ihr schlafen würde ich ja. Eine indiskrete Frage folgt der nächsten. Was hast du an, was ist deine Lieblingsstellung, was hast du für geheime Lüste, sind die Dinge, die wir uns texten.

Vom Fernseher nehme ich nur noch das Flimmern war. In meinem Kopf befindet sich nur noch ein Gedanke. Sex. Am besten so schnell wir möglich. Lina schreibt mir Sachen die mir gefallen. Es ist mittlerweile 22.34 Uhr. Ich frage Lina was sie am Wochenende macht. Sie antwortet nicht. Ich frage sie ob wir unser ziemlich intimes Gespräch nicht am Sonntag in meinem Bett weiterführen wollen. Keine Antwort. Okay, war das jetzt zu viel? Ich meine was würdet ihr denken? Für mich war die Nummer eindeutig. Eigentlich musste nur noch die Zeit ausgemacht werden. Oder war das für sie nur Spaß oder will sie doch erst ein Treffen und abchecken ob wir uns gut verstehen und die Chemie passt. Meine zunächst gleichgültige Stimmung schlägt langsam in Frust über. Mist. Warum schreibt sie nicht mehr. * Ping * eine neue Nachricht. Lina. Meine Stimmungskurve rast wieder steil nach oben. Was sie wohl geschrieben hat. Ihre Nachricht: „ hattest du schon mal einen Dreier?“. Puh What? Ich war ja auf einiges vorbereitet, aber darauf ganz bestimmt nicht. Ich bin so in Ekstase, dass ich auf dem Weg in die Küche stolper und mein Handy im hohen Bogen gegen die Balkontür ballert. Fuck. Was soll ich darauf bitteschön antworten? Worauf läuft die Frage hinaus, frage ich mich. Will sie etwa einen? Und in dem unwahrscheinlichem Fall eines Ja´s, dann doch sicher mit einem zweiten Kerl? Ich meine sie ist doch nen Mädel, was würde sie mit noch einer Frau anfangen sollen? Ich zögere. Um ehrlich zu sein bin ich gerade maßlos überfordert. Ich kann natürlich auch nicht „nein“ schreiben. Ich bin ja ein krasser Kerl und hatte so etwas natürlich schon mal. Nach langem zögern und tausenden Gedanken schreibe ich einfach: „ Ja, warum?“. Lina schreibt… . Diese Sekunden während sie tippt und ich auf die Nachricht warte fühlen sich wie Jahrzehnte an. Ich denke gerade nicht wirklich, es fühlt sich eher wie ein tranceähnlicher Zustand an. Ich starre wie ein Psycho auf meinen Display. Die Punkte bewegen sich im immer gleichen Rhythmus. Da ist die Nachricht. „Eine Freundin ist gerade hier und wir wollten das schon immer ausprobieren“. Ich traue meinen Augen nicht und lese die Nachricht noch gefühlt zehn mal bis ich es dann wirklich realisiert habe. Der Teil meines Körpers über meinen Oberschenkeln und unter meinem Bauch feuert gerade ein Feuerwerk ab und mein Kopf schießt Millionen von Glückshormonen durch meinen ganzen Körper. Meine Gedanken kreisen nur um einen Gedanken, Sex mit zweit Frauen. Er spielt so ziemlich alle Pornos ab die ich jemals gesehen habe und stellt sich vor, was man mit zwei Mädels alles anstellen kann. Ich fühle mich wie im Himmel. Fast zu schön um wahr zu sein. Ich kann es noch gar nicht glauben.

 

Realität. Schreit mein Gehirn. Komm zurück in die Realität. Das ist einfach zu schön um wahr zu sein. Wie eine Fatamorgana in der Wüste kurz bevor du verdurstest. Das kann alles nicht real sein. Ich träume , so ein Quatsch. Das würde doch niemals jemand machen. Ich fange an mich zu hinterfragen. Das ist einfach zu heftig, da muss ein Haken sein, die verarscht dich nur. Ich bin angepisst. Okay, ich muss mehr erfahren, ich meine wie schön wäre das?! Ich muss herausfinden ob sie das ernst meint. Ich will Fotos. Ich bekomme Fotos. Zwei Mädels in Pyjama. Fuck, das ist anscheinend kein Scherz. Dinge in meiner Hose richten sich auf. Ein Ding um genau zu sein. Ich habe eine versaute Fantasie nach der anderen die in meinem Hippocampus schießt und gleichzeitig in meine Hose. Ich male mir genau aus, was ich alles mit den Zweien anstellen will. Oh mein Gott, das wird episch denkt sich mein Kopf. Ihr Freundin ist zwar jetzt nicht super geil, aber Hallo ein Dreier, mit zwei Mädels – mach das erstmal nach denke ich mir. Eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf hinterfragt das ganze jedoch nochmal. Ich muss das nochmal abchecken. Stellt euch vor ich komm da und keiner ist da. Der ganze Stress umsonst. Ich bin doch nicht blöde. Okay, die Stimme ist überzeugt, sie ist zwar noch da, aber ich hab sie erstmal zum schweigen gebracht. Ich hüpfe noch schnell unter die dusche und bin in 45 Minuten da. Sie wollen natürlich auch ein Foto. Ich kann es immer noch nicht ganz fassen und renne mit meiner Dauerlatte durch die Gegend, wie ein Steinzeitmensch mit dem Speer auf dem Jagd nach dem Mamut. Soll ich es mir vielleicht nochmal kurz selbst besorgen. Nicht das ich zu Horney bin. Ich bin schon wieder leicht überfordert mit der Situation. Jedoch hört meine Hose einfach nicht auf an sämtliche Stellungen, Positionen und Konstellationen zu denken. Ich gleiche einer Atombombe aus Endorphinen kurz vor dem Abschuss. Der Bus kommt gleich. Ja, ich fahre Öffis, Auto braucht man einfach nicht in Berlin. Aftershave und Uhr nicht vergessen; letzter Blick in den Spiegel. Passt. Ich zwinker mir noch mal kurz selbst im Spiegel zu wie Macaulay Cukin  in Kevin allein zu Haus. Ich rock das jetzt. Schlüssel, jap. Auf geht’s.

 

Warum waren eigentlich alle Hausnummern gerade auf dieser Seite? Auf der rechten Seite kann es nicht sein. Da ist nur diese mysteriöse riesige, dunkle, angst einflößende Halle und sonst nichts. Aber hier muss es sein, 36……..38. Wo ist die 37? Google zeigt den Standpunkt direkt vor mir im Hinterhof an. Ich bin verwirrt. Lina antwortet seit 20 Minuten nicht mehr. Ich laufe zurück. An der Kneipe vorbei. Zurück in die Gasse. Kälte und Dunkelheit blende ich aus. Ich will diesen Dreier sagt mein Kopf. Ernüchterung macht sich breit. Ich setze mich auf eine Bank in die Nähe von dem grunzenden Obdachlosen. Soll es das jetzt gewesen sein, das war also alles nur ein schlechter Scherz frage ich mich. Und ehrlich, ich falle darauf auch noch herein?Ich werde wütend und könnte mich für meine krass-dumme-schwanzgesteuerte-Geilheit selbst verprügeln. Hätte ich mir das nicht denken können frage ich mich? Ich dachte immer ich bin intelligent genug. Aber anscheinend nicht bei diesem Thema.

Ich fahre nach Hause, na wenigstens kommt die Tram gerade und ich rieche gut. Ich lege mich ins Bett bin KO. Ich frage Lina was los war. Ich warte noch auf ihre Antwort. Ich hoffe sie hat am Wochenende Zeit.